Herberge Pfarrhaus - ein Gästebuch erzählt ...

Die Eintragungen im Siebertschen Gästebuch aus der Zeit von 1931 bis 1950 sind ein beeindruckendes Dokument der nimmermüden Gastfreundschaft sowie Hilfsbereitschaft meiner Eltern, was insbesondere für die letzte Kriegszeit und die frühe Nachkriegszeit gilt.

Die vielfältigen Dankesbezeugungen der Gäste spiegeln auf einzigartige Weise die damaligen turbulenten Verhältnisse wieder. Daher möchte ich von den zahlreichen Eintragungen einige Beispiele aus der letzten Phase des zweiten Weltkrieges und der ersten Jahre nach dem Kriegsende ausschnittweise  wiedergeben. Natürlich steigen bei der Lektüre auch manche eigene Erinnerungen an Personen und Ereignisse in mir auf. Aber vor allem komme ich beim Lesen aus dem Staunen nicht heraus, und ich empfinde großen Respekt, Bewunderung und Hochachtung für meine Eltern.

Wie war es ihnen möglich, diese unzähligen Besucher -von denen manche aber auch hilfreiche Geister waren- in ihrem Hause zu beherbergen, zu verköstigen und in den Alltag ihrer großen Familie zu integrieren - eine strategische  Meisterleistung, insbesondere meiner Mutter!

Familie Siebert 1940 im Garten des Burghauner evang. Pfarrhauses
Familie Siebert 1940 im Garten des Burghauner evang. Pfarrhauses

 

Ich selbst war bei Kriegsende sieben Jahre alt, und ich erinnere mich, dass ich diese erste "Nachkriegszeit" als äußerst aufregend und abenteuerlich wahrgenommen habe, kaum ein Tag verging ohne irgendwelche Besonderheiten. In unserem Haus ging es zu wie in einem Taubenschlag, alle Räume waren belegt. Ist es heute für die meisten Kinder selbstverständlich ein eigenes Zimmer zu haben, so konnten meine Schwester und ich froh sein, dass wir wenigstens ein eigenes Bett hatten - den anderen Geschwistern erging es ebenso. Unser Zimmer mussten wir über längere Zeit mit Tante Johanna und deren Freundin Frau Blum teilen. Beide waren aus dem brennenden Frankfurt zu uns aufs Land geflohen, und meine guten Eltern haben sie in unser volles Haus aufgenommen. Später - so etwa zwei bis drei Jahre nach Kriegsende - normalisierten sich die Verhältnisse dann allmählich wieder. Nur noch meine Großmutter Siebert gehörte bis zu ihrem Lebensende und Tante Johanna fast bis zu ihrem Tod zu unserer Hausgemeinschaft.

So möchte ich auf den nachfolgenden Seiten mit Auszügen aus unserem Gästebuch einerseits ein Stück Regionalgeschichte abbilden und andererseits ein Loblied auf meine Eltern anstimmen.