In memoriam Tante Jo

Die Schriftzüge meiner Patentante Johanna (Tante Jo) in unserem Gästebuch wecken in mir lebhafte Erinnerungen an diese weitläufige Verwandte, die in Frankfurt Bockenheim in ihrem Haus in der Ederstraße lebte. Sie hatte einen Herrn Schenk geheiratet, fühlte sich aber offensichtlich nicht für die Ehe geschaffen. Daher löste sie die Verbindung nach kurzer Dauer wieder auf und lebte fortan bis an ihr Lebensende unverheiratet.

 

Tante Johanna Schenk geb. Flach war eine Cousine meiner Großmutter Emilie Hebel und wurde am 7. Oktober 1880 geboren. Nachdem sie 1943 in Frankfurt a. M. "ausgebombt" war, lebte sie bis 1960 in unserer Familie - zuerst in Burghaun und später auch in Marburg. Hier sieht man sie als hübsche junge Frau in Frankfurt am Main.

 

 

 

 

 

 

 

 

Tante Johanna als häufiger Gast im Hause Siebert

Aus dem Gästebuch der Siebertschen Familie geht hervor, dass Tante Johanna als alleinstehende Verwandte und meine Patentante offen-sichtlich ein häufiger und gern gesehener Gast in unserem Hause war. Der Anlass für ihren ersten Besuch in Burghaun war kein geringerer als meine Taufe in der Burghauner Christuskirche am 3. Oktober 1937, dem Erntedankfest.

  

Burghaun, Oktober 1937

Zum ersten Mal im gastfreien Pfarrhaus Siebert fahre ich heute wieder zurück nach Frankfurt a/M und nehme eine schöne Erinnerung an die feierliche Taufe von Klein-Elisabeth mit. Ich scheide mit innigem Dank für die schönen Stunden und wünsche dem ganzen Haus Gottes Segen.

Eure Tante Johanna

 

Auf diesem historschen Foto vom 3. Oktober 1937 werden zwei Täuflinge auf weichen Kissen und zugedeckt mit weißen Tüchern, nach der Taufzeremonie in der evangelischen Kirche nach Hause gebracht. Der Zug der Taufgäste ist gerade am Marktplatz angekommen. Im Vordergrund wird der Täufling Horst Crato heimwärts getragen, in dem zweiten weißen Bündel dahinter verbirgt sich "Klein-Elisabeth" auf den Armen der Patin Diakonisse Lina Tittel. Rechts daneben geht meine Mutter mit ihrer Freundin Lieselotte Fuhrhans, einer weiteren Patin, links hinter dem Täufling vermutlich meine Patentante Johanna.

Nicht zu übersehen die Hakenkreuzfahnen des Nazi-Staates!

 

Burghaun, den 4. August 1939

Vor meiner Abreise nach Schwerin zu den Eltern des lieben Kurt (Onkel Kurt Frese, Ehemann von Mutters Schwester Erika), danke ich den lieben Pfarrersleuten aufs herzlichste für die schönen Tage in Burghaun. Sie werden mir immer in lieber Erinnerung bleiben.

Eure Tante Johanna

 

Am 1. September 1939 entfesselte Hitler-Deutschland durch den Überfall auf Polen den 2. Weltkrieg. Als später im Verlauf der Kampfhandlungen die feindlichen Bombenangriffe Leib und Leben der Menschen in Frankfurt bedrohten, flüchtete Tante Jo immer wieder zu ihren Verwandten ins Burghauner Pfarrhaus Siebert. Hier waren die Schrecken des Krieges noch nicht zu spüren. Der Garten lieferte reichlich von dem in der Großstadt entbehrten Obst und Gemüse, und die verängstigte Tante konnte sicher vor Fliegeralarm und Bomben ihre Nachtruhe verbringen.

 

24. Dezember 1941

Am Heiligen Abend, den 24. Dezember 1941 kam Tante Johanna Schenk von Frankfurt als Weihnachtsmann und blieb bis zum 28. Dezember. Sie war uns ein lieber Besuch und kommt hoffentlich im Sommer mal für länger.

Der Hausvater

 

Ohne Datum (Juli 1942)

Meinen lieben Burghaunern herzlichen Dank für die schönen Tage, die ich wieder hier verleben durfte. Diesmal auch mit Erika und dem lieben kleinen Jürgen (Tante Erika Frese, Schwester meiner Mutter mit Söhnchen). Auf ein baldiges Wiedersehen freut sich schon

Eure Tante Johanna

 

Ohne Datum (September 1942)

Von meiner Reise aus Schwerin zurückgekehrt, nahm mich das gastfreie Pfarrhaus noch einmal auf, da in Frankfurt Tag und Nacht Fliegeralarm war mit einem nächtlichen Angriff. Ich gehe heute schweren Herzens weg, denn wer weiß, was uns in dieser entsetzlichen Zeit noch bevorsteht. Wie dankbar bin ich, dass ich dieses Plätzchen bei den lieben Verwandten weiß, wo ich mal hinflüchten darf. Ich scheide mit herzlichem Dank für alles.

Eure Tante Johanna

 

Mein Vater, der gerne reimte, schrieb über den mehrfachen Besuch von Tante Jo sowie Tante Erika mit Söhnchen Jürgen im Sommer 1942:  

 

Das Datum vergaßen diese Gäste,

drum ist es wohl das allerbeste,

wir tragen dieses hier noch nach.

Man lebt doch nicht so in den Tag,

muss Zeit und Jahr und Monat wissen.

's war Gastfreunsdschaft mit Hindernissen!

Das Brot war knapp, der Keller leer,

wo kriegen wir Kartoffeln her?

Zuletzt doch ward ein jeder satt,

der Garten liefert, was er hat.

Die neue Ernte kam herbei,

die Hühner legten manches Ei.

Nur als die Gäste dann geschieden,

war leider immer noch nicht Frieden.

 Juli, August, September 1942

Der Hausvater

 

Burghaun, den 23. August 1943

Da Frankfurt geräumt werden soll, bin ich wieder zu den treuen Burghaunern geflüchtet, muss aber zum Einmachen nach Frankfurt, und ich freue mich schon, wenn ich wieder hier bin und die ruhigen Nächte ohne Alarm genießen darf.

Herzlichen Dank für alle Liebe!

Tante Johanna

 

Burghaun, den 14. September 1943

Morgen fahre ich wieder zurück nach Frankfurt, und mir graut vor den Nächten dort. Gebe Gott, dass der entsetzliche Krieg bald ein Ende hat. Drei Wochen durfte ich wieder im gastlichen Pfarrhaus zubringen, und ich sage der lieben Margret und dem lieben Heinz herzlichen Dank für alles.

Tante Johanna

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