Bemerkungen zur NS-Zeit - (bis September 1939)

Der Sturm bricht los ...

 Reserveübung 1938 

(Ab S. 62 etwa Mitte …)

"Gerade in diesem Jahr 1938 hatten wir zum ersten Mal eine große Urlaubsreise geplant und fuhren wohl Ende Juli nach Koserow auf Usedom an die Ostsee, besonders auch weil wir für unseren Hans durch die Seeluft eine Besserung seiner Gesundheit erhofften ... Aber das Wehrkreisersatzkommando machte mir einen Strich durch die Vierwochen-Rechnung. Ich konnte nur 14 Tage die Ostsee genießen und musste dann zu einer Reserveübung einrücken …

Die militärische Übung in Großborn (Pommern) gehörte zur Wiederaufrüstung und Vorbereitung auf den großen Krieg, der genau ein Jahr später seinen Anfang nahm. Hitlers außenpolitische Erfolge, der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, die Einverleibung des Sudetenlandes schufen beim größten Teil unseres Volkes eine Stimmung nationalistischer Euphorie (rauschähnlicher Hochstim-mung), der auch ich mich nicht ganz entziehen konnte.

Jeglicher Widerstand gegen die Diktatur des Naziregimes schien sinnlos zu sein. Erst die 'Reichskristallnacht' vom 9.11.1938 öffnete mir wieder die Augen für das drohende Unheil, das unserem Volk von Hitler und seiner Gefolgschaft drohte."

Zur "Kristallnacht 1938

(Ab S. 63 oben …)

"In ganz Deutschland tobte sich der seit Jahren hochgespielte Judenhass aus in schrecklichen Judenpogromen. Die jüdischen Synagogen gingen in Flammen auf; am Morgen des 10. November 1938 wurde auch die Burghauner Synagoge 'auf höheren Befehl' eingeäschert. Wir waren aufs tiefste über diesen Vandalismus erschüttert, zugleich aber auch unfähig dem Unheil zu wehren.

Ich weiß nicht, ob ich es am folgenden Sonntag gewagt habe, ein Wort zu dieser Schandtat zu sagen, wenn, dann sicher nur verklausuliert, durch die Blume. Wahrscheinlich aber habe ich gar nichts gesagt. Unvergessen ist mir des Satz, den mir ein alter Sozialdemokrat ('Fricke Schnieder') damals am 10.11. angesichts der rauchenden Synagoge zurief: 'Herr Pfarrer, wer sich an Weihrauch und Knoblauch vergreift (kathol. und jüd.), der stirbt daran!' …"

"Der Sturm bricht los"

(Ab S. 63 unten …)

"So zog das Jahr 1939 herauf, in dem Hitlers Machtpolitik (Zerschlagung der Tschechoslowakei, Ultimatum an Polen pp) uns in den schrecklichen 2. Weltkrieg stürzte.

Mein lieber Freund und Nachbar Pfarrer Bill (Hünfeld) wanderte wegen Hetze gegen den Führer ins Gefängnis. 5)

Die Ereignisse überstürzten sich. Polen wurde von deutschen Truppen überrannt und in 3 Wochen zerschlagen. Aber diesmal machten nun auch Frankreich und England ernst und betrachteten sich als Verbündete Polens als mit Deutschland im Kriege befindlich. Teile des westlichen Grenzgebietes wurden evakuiert und mussten von der Zivilbevölkerung geräumt werden. So bekamen auch wir im September 1939 Evakuierte aus Völklingen/Saar, eine Frau Ackermann mit ihren zwei Buben, die wohl vier Wochen in Burghaun blieben, ehe sie weiter nach Norddeutschland zogen, wo Herr Ackermann Arbeit bekommen hatte.

Ich war der erste Pfarrer im Kirchenkreis, der am 26. August 1939 den Stellungsbefehl bekam. …

(Aus Vaters Tagebuchaufzeichnung:) Der Sturm bricht los! 25. August 1939, um 1/2 3 Uhr nachts werde ich aus dem Schlaf geweckt: Bürgermeister Kreis überreicht mir den Stellungsbefehl. Am Morgen um 9 Uhr schon soll ich in Mackenzell Krs. Hünfeld sein! Es wird also ernst. An Schlaf ist bei Margret und mir nicht mehr zu denken, zu plötzlich kommt dieses Ereignis. Der Morgen kommt, der Abschied naht, Gott gib uns ein festes Herz. Die Buben fangen an zu weinen, Oma Größer ist aufgelöst in Tränen, Großmutter ist gefasst. Armes Frauchen, dass das jetzt sein muss. Ein letzter Kuss, ein letztes Grüßen und Winken. Mein Fahrrad bringt mich nach Hünfeld. Ich lasse es bei Bills. Mit August Groß, einem Hünfelder Gemeindeglied, gehe ich nach Mackenzell. …."

 

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