Aus den Lebenserinnerungen meines Vaters H. M. Siebert

Bemerkungen zur NS-Zeit - (bis September 1939)

Am Anfang große Hoffnungen auf den Nationalsozialismus…

(Ab S. 53 Mitte …)

"Das Jahr 1933 brachte nach immer neuen Wahlen die so genannte "Machtübernahme" Adolf Hitlers (30.1.1933). Ich will es hier nun nicht verschweigen - meine Kinder und Enkel sollen es wissen -, dass ich auf Hitler und den Nationalsozialismus die größten Hoffnungen setzte und im April 1933 (nach dem "Judenboykott" !) dann auch Mitglied der NSDAP wurde. Es würde zu weit führen, diese nationalistische Einstellung, die ich hatte, nun zu durchleuchten. Zum großen Teil war es aber sicher jugendlicher Unverstand, mangelnde intensive Beschäftigung mit den Ideen des Sozialismus, des Nationalismus, des demokratischen Prinzips, Hereinfallen auf Schlagworte und Propaganda, die mich dazu brachten, von Nationalsozialismus und Adolf Hitler das politische, wirtschaftliche und kulturelle Heil zu erwarten.

Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" hatte ich nicht gelesen, Hitlers "Mein Kampf" auch nur zum Teil. Der Paragraph 24 des Parteiprogramms sprach vom "Boden eines positiven Christentums", auf dem die Partei stehe, und Hitler selbst verstand ja immer wieder in seinen Reden mit frommen, oft sogar biblischen Worten, zu bluffen. Noch in seiner ersten großen Rede als Reichskanzler erklärte er die Kräfte des Christentums für die tragenden Säulen des Reiches. Kurzum, die Vernebelungstaktik war so vollkommen, dass die Begeisterungsfähigen in unserem Volk - und darunter auch ich - in Hitler den gesandten Führer sahen. Was einem vor der "Machtübernahme" an den Nazis nicht gefallen hatte und was einem zu Anfang 1933 nicht gefiel, das wurde beiseite geschoben, das waren  Auswüchse, die eine weise Staatsführung schon beseitigen würde. Selbst der politische Katholizismus, seit Bismarcks Zeiten an den Umgang mit staatspolitischen Problemen gewöhnt und politisch geschult - ganz anders als die evangelische Kirche, stimmte dem so genannten "Ermächtigungsgesetz" zu, mit dem Hitler schier unbeschränkte Macht in die Hände gegeben wurde.

Ich hatte in Burghaun einige wenige Leute, die von Anfang an dem neuen Regime ablehnend gegenüber standen und die kommende Katastrophe voraussagten. Der eine war der alte Apotheker Hocke, der aber schon 1934 starb. Der andere war mein Kirchenrechner Doll, alter Sozialdemokrat, der von Anfang an immer wieder sagte: "Hitler bedeutet Krieg." Und der dritte war mein Kirchenvorsteher Hubeler, der Rechner der Raiffeisenkasse, der zusammen mit seinem Vater in Hitler den Antichristen sah. Auch der Schreinermeister Wink und der Bäckermeister Ross waren von Anfang an entschiedene Nazigegner. Unter den Katholiken des Dorfes waren viele, die dem "Aufbruch der Nation" ablehnend gegenüber standen, nur mussten auch sie schließlich "mit den Wölfen heulen".

Dabei war es im Anfang ja so, dass ich am 1. Mai 1933, dem neuen Nationalfeiertag, dem "Tag der Arbeit", im Schlosshof einen "Feldgottesdienst" halten konnte, an dem S.S. und S.A. geschlossen teilnahmen, dass der S.A. Sturm in Rothenkirchen zum Gottesdienst marschierte, dass die NS-Frauenschaft mit der evangelischen Frauenhilfe zusammen einen gemeinsamen Adventsabend hielt und dass die NS-Frauenschaft in unserem Sälchen im Schwesternhaus tagte, dass überall in Deutschland kirchliche Massentrauungen stattfanden von solchen Paaren, die bisher nur standesamtlich getraut waren. - Wie bald aber wurde dann alles ganz anders, und die neuen Machthaber ließen je länger je mehr die Masken fallen. …"

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