Tante Johanna als Mitbewohnerin im Hause Siebert

Nachdem bei einem schweren Fliegerangriff ihr Haus vollkommen zerstört und all ihre Habe verbrannt war, nahmen meine Eltern die Tante Johanna in unsere Familie auf. Viele Jahre lebte sie in unserer Hausgemeinschaft, was insbesondere für meine gute Mutter nicht immer ganz einfach war. 

Tante Johanna hatte nämlich nach den kriegsbedingten Entbehrungen in Frankfurt und dem Verlust ihres Hauses kleptomanische Verhaltensweisen entwickelt. Es gab kaum etwas, wovon sie nicht versuchte, ein biss-chen für sich abzuzweigen: Mal einen Schöpflöffel Suppe, ein paar Eierkohlen, ein wenig flugs von der Bauernmilch abgesahnter Rahm, ein paar Löffel Zucker, einige Holzscheite oder ein paar Scheiben Brot - um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Andererseits half sie aber auch hier und da im Haushalt mit, wofür sie mit einer nur symbolischen Miete für ihr kleines Zimmer entlohnt wurde.

Tante Johanna 1943 in Frankfurt am Main
Tante Johanna 1943 in Frankfurt am Main

Große Verdienste erwarb sie sich, als sie in den Hungerjahren des Krieges das "Gänsestopfen" übernahm. Die armen Tiere wurden mit schnabelgerecht geformten und an der Luft getrockneten Happen aus einer nahrhaften Körnermischung regelrecht zwangsernährt - gewiss eine arge Tierquälerei!

Die mit uns im Haus lebende Studentin Christa dichtete: "Vier Wochen lang, vier mal am Tage diese furchtbare Gänseplage. Tante Jo, die war so nett vonwegen dem schönen Gänsefett. Obs Gänschen hält, was es verspricht - das weiß man leider heut' noch nicht."   

 

Christa Pohl, eine liebenswerte Kunststudentin, die kurz nach dem Krieg in Burghaun gestrandet war und bei uns für Monate Aufnahme fand, zeichnete die Tante Jo beim "Gänsestopfen".

Besonders hervorheben möchte ich auch, dass meine Tante Johanna, die anfangs wie viele Deutsche eine begeisterte Hitleranhängerin war, später eine sehr geradlienige antinazistische Haltung eingenommen hat. Über den Verlauf des Weltkrieges und den Niedergang der Nationalsozialisten war sie bestens auf dem Laufenden. Sie hörte nämlich ständig heimlich den Londoner Rundfunk, womit sie nicht nur sich, sondern auch unsere Familie in Gefahr brachte. Allerdings stellte sie den Sender so leise ein, dass sie ihr Ohr ganz dicht ans Radio halten musste. In dieser Haltung sehe ich sie noch heute vor meinem geistigen Auge. Dem "Löwechen", ihrem jüdischen Hausarzt Dr. Löwe in Frankfurt, hat sie bis zum Schluss - bis zu dessen Freitod - die Treue gehalten. Den französischen Kriegsgefangenen in Burghaun ist sie, als der Krieg zuende war, mit offenen Armen entgegen gegangen und hat ihnen mit einer Zeile aus ihrer Nationalhymne zur Befreiung gratuliert.

Trotz ihrer kleptomanischen Probleme blieb Tante Johanna natürlich in der Familie Siebert und zog 1950 auch mit uns von Burghaun nach Marburg. Meine guten Eltern sahen über ihre Schwäche hinweg, aber wir Kinder nahmen diese zum Anlass, als pfiffige Dedektive ihre "Missetaten" auszuspionieren - und derer gab es etliche.

Ungewollt bescherte Tante Jo uns Geschwistern auf diese Art und Weise so manches heitere Abenteuer. Nie werde ich die Wochen in Marburg vergessen, als sie ihren gebrochenen Arm in einer Schlinge trug und auf dem Gipsverband, umhüllt mit einem großen Dreieckstuch, die gewonnene Beute in ihr Zimmer trug. Noch heute sehe ich sie am Küchenherd stehen, während unter dem "Klautuch" die schwarzen Eierkohlen herauskullerten und auf den Boden fielen.

Die wunderliche alte Tante hat mit ihren vielfältigen kleinen "Raubzügen" keinen wirklichen Schaden angerichtet. Vielmehr hat sie dadurch, insbesondere bei mir und meinen Geschwistern, für immer unvergesslich einen Platz in unserem Gedächtnis eingenommen.

Sicherlich hat Tante Jo durch ihr Verhalten auch die eine oder andere Respektlosigkeit bei uns Kindern ihr gegenüber herausgefordert. Der Nikolaus z. B. musste mich einmal dafür rügen, dass ich sie als einen "alten Heringsschwanz" tituliert hatte. Übrigens erinnere ich mich nicht daran, dass sie mich als ihr Patenkind in besonderer Weise in ihr Herz geschlossen hätte. Nein, dieses Privileg genoss mein jüngerer blond gelockter Bruder Heinz, von ihr liebevoll "Heinzelmännchen" genannt. Das Heinzelmännchen durfte sich mit dem "Karl May" in ihr Zimmer auf das Sofa verkriechen, um darin nach Herzenslust zu schmökern, während ihn alle Welt händeringend suchte.

Als mein Vater im Mai 1960 eine Pfarrstelle in Bad Hersfeld antrat, konnten wir Tante Johanna nicht mitnehmen, da unsere Pfarrwohnung dort nicht groß genug war und meine Großmutter Siebert auch ein Zimmer benötigte. So blieb sie in Marburg in einem Altersheim zurück, wo sie noch im gleichen Jahr am 5. September 1960 infolge eines Leberkrebses starb.

Ihre große Liebe zu Frankfurt hatte Tante Jo in gesunden Tagen oft und gern mit einem Vers von Friedrich Stolze zum Ausdruck gebracht: "Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!".

Der Frankfurter Römer etwa im Jahr 1910  (Postkarte unbekannter Herkunft)
Der Frankfurter Römer etwa im Jahr 1910 (Postkarte unbekannter Herkunft)

 

Beim letzten Besuch meiner Eltern an ihrem Krankenbett verbat sie sich jede lebensverlängernde Behandlung durch die Ärzte, jetzt wollte sie nur noch eins: In Frieden sterben und heim nach Frankfurt. "Ich sehne mich nach Frankfurts Erde" - das war ihr einziger Gedanke. Diesem Wunsch gemäß wurde unsere Tante Johanna auf dem alten Friedhof in Frankfurt Bockenheim zur letzten Ruhe gebettet.

"Requiescat in pace!"

zurück...

 

Quellen: Siebertsches Gästebuch, Vaters Lebenserinnerungen, eigene Erinnerungen