Aus den Lebenserinnerungen meines Vaters Heinz-Martin Siebert

Hungerjahre 1914 - 1918

Mein Vater wurde Zeitzeuge beider, maßgeblich von Deutschland entfesselten Weltkriege. Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges hat er als Heranwachsender in Frankfurt vorwiegend in Gestalt von Hunger und Entbehrung erlebt.

"Aus Liebe zum Vaterland"

"In den Kriegsjahren (1914 bis 1918) sollten auch wir Schüler den Krieg gewinnen helfen. So zogen die einzelnen Klassen in den Frankfurter Stadtwald und machten "Laubheu", außerdem starteten wir "Altmetall-Sammlungen".

Anlässlich einer solchen Sammlung habe ich in unserer Waschküche ein Bleirohr angeschlagen, von dem ich vermutete, es sei ein totes Rohr, bis mich der zischende Wasserstrahl eines Besseren belehrte. Aber da war es zu spät, die Waschküche stand schnell unter Wasser, und ich wusste nicht, wo der Abstellhahn war. Vater und Mutter hatten auch keine Ahnung.

Erst 'ein Mann vom Fach' musste kommen und das Unheil wenden.

Über meiner unglaublichen Dummheit drückten die Eltern gnädig die Augen zu, ich hatte es doch 'aus Liebe zum Vaterland' getan.

Im Laufe der Kriegsjahre wurde alles knapp und rationiert. Es gab die Lebensmittelkarten, Schuh- und Kleiderkarten. Die berüchtigten 'Holzkläpper' mit Gelenk waren immer schnell kaputt, so lernten auch wir Stadtkinder im Sommer barfuß zu laufen. Und als gar eines Tages der Professor Sprengel, der 'Mond' barfuß ins Gymnasium kam, da wurde es sozusagen eine 'vaterländische Pflicht', es ihm gleich zu tun. "

 

Rationierung und Steckrüben

"Der Vater hat sich anfänglich dagegen gewehrt, dass über die Lebensmittelrationen hinaus noch weitere Lebensmittel für den Familienunterhalt beschafft wurden. Er gab diesen Widerstand aber bald auf und ließ es zu, dass mein Bruder und ich "hamstern" gingen. Offiziell gab es für die Städter nur so viel, dass man nicht gerade zu verhungern brauchte. Wer aber niemanden auf dem Lande hatte, auch keine "Schiebertalente" entwickelte, dem sah man die Unterernährung mehr und mehr an. Auch meine Eltern und Schwester Elfriede gehörten zu den so Gezeichneten.

Meine Großeltern Mathilde und August Siebert mit ihren Kindern Elfriede Heinz-Martin und Hans-Theodor etwa 1917 in Bockenheim
Meine Großeltern Mathilde und August Siebert mit ihren Kindern Elfriede Heinz-Martin und Hans-Theodor etwa 1917 in Bockenheim

 

Ein Hauptnahrungsmittel waren in den letzten Kriegsjahren die Steckrüben (Unterkohlraben) geworden. Von ihnen haben wir manchen Zentner gegessen: Steckrübengemüse, -Suppe, -Salat, -Kuchen; immer Neues musste Mutter versuchen, um Elfriedchen zum Essen zu bewegen. Das fehlende Brot am Morgen wurde durch den 'Morgentrank' ersetzt, ein undefinierbares Etwas, in dem der Sand knirschte. Auch die Marmelade, die es auf Karten gab, hatte es 'in sich' - aber ich weiß nicht was. Jedenfalls sangen wir: 'Marmelade, das ist der schönste Fraß im deutschen Staate, die städtische Marmelade, die fress ich gar so gern...'

Vollmilch gab es 1917 auch für Elfriedchen nicht mehr, nur 1/4 Liter 'Blaumilch' (Magermilch) beim Pallentin in der Kleinen Seestraße. Aber nun tröpfelte eine erste Geheimquelle, von der niemand wissen durfte: Für meinen guten Vater und Elfriedchen gab es einmal in der Woche einen Liter Vollmilch vom Fuhrgeschäft Blersch in der Großen Seestraße, die hatten ein paar Kühe. Sie sahen ihren Pfarrer immer dürrer werden und erbarmten sich. Aber abholen musste ich die Milch ganz wo anders, nämlich bei der alten Frau Schintze auf der anderen Seite der Straße."    

 

Blick auf den Kirchplatz in Bockenheim mit dem Storchennest auf dem "Gasthaus zum Schwan" *
Blick auf den Kirchplatz in Bockenheim mit dem Storchennest auf dem "Gasthaus zum Schwan" *

 

Hamsterfahrten zur guten Frau Größer 

"Wir gingen also auf Hamsterfahrt. Es fuhr am frühen Nachmittag ein fahrplanmäßiger Zug von Frankfurt nach Stockheim in der Wetterau und am Abend wieder zurück nach Frankfurt. Er ist berühmt geworden als 'Hamsterzug'. Turbulente Szenen haben sich oft auf der Rückfahrt an den einzelnen Bahnhöfen bis Gronau abgespielt, wenn der überfüllte Zug ankam und kein Mensch mehr hineinzugehen schien. Aber er nahm seine Fracht schließlich vollständig auf, wobei er auch manchmal mit zwei Stunden Verspätung erst wieder in Frankfurt eintraf. Ich habe einmal im Herbst 1918 drei Zentner Kartoffeln zusammen mit Bruder Hans-Theo transportiert. Am Bockenheimer Bahnhof erwartete uns die Hausgehilfin mit dem bei der Firma Taufkirch gepumpten 'Drückkarren' - und heim ging's.

Unser Ziel beim Hamstern waren meist die Dörfer Eichen und Erbstadt, Vaters Gemeinden von 1897 - 1906. Hier haben wir oft und fleißig gehamstert: Kartoffeln, Äpfel, Korn, Milch, Mehl, Butter, Wurst, Eier und Speck.

Unser 3. Hamsterort aber war die 'Glashütt', das kleine Dorf Glashütten im Hochtaunus, 600 Meter hoch gelegen am Fuß des Großen Feldberges. Dort wohnte Frau Größer, unsere ehemalige Hausgehilfin, die den Weg der Eltern von Wehrda (Krs. Hünfeld) über Eichen nach Bockenheim begleitet hatte und dann etwa 1912 zu ihrer Schwester nach Glashütten gezogen war. Frau Keller, Witwe des Joseph Keller, betrieb dort mit ihrem ledigen Schwager Anton eine Landwirtschaft mit 'Fasselochs', Kühen, Hühnern, Äckern und Wiesen. Ihr Sohn Heinrich war ebenfalls auf dem Gütchen tätig. Auch Frau Größer, damals etwas über 50 Jahre alt, war dort voll in die Landwirtschaft mit eingestiegen. ....

Frau Größer hing mit großer Liebe an uns Sieberts, vor allem an meinem Vater und uns Kindern. Sie hatte als junge Frau in Wehrda ihre drei kleinen Kinder an Diphterie und ihren Mann an 'galloppierender Schwindsucht' innerhalb eines Jahres verloren und hatte ihre schlichte mütterliche Liebe den Siebert-Geschwistern Gretchen, Hans-Theo, mir und Elfriedchen zugewendet.

In den bösen Kriegs- und Nachkriegsjahren war sie nun so ein helfender, rettender Engel, wie ihn nicht jede Familie ihr eigen nennen konnte.  

Den Weg auf die 'Glashütt' haben wir oft gemacht, alle paar Wochen. Da fuhren mein Bruder und ich -später ich allein, als Hans Theo schon studierte- mit der Eisenbahn nach Kronberg und wanderten dann die 10 Kilometer durch den Wald nach Falkenstein. Bei der Billtalshöhe erreichten wir die 'Limburger Chaussée', und oft wollte die Straße schier nicht enden bis Glashütten endlich erreicht war.

Das kleine Dörfchen - heute ein vielbesuchter Kurort - hatte kaum mehr als 150 Einwohner, die außer Frau Keller und Frau Größer alle katholisch waren. Abwechselnd gingen die beiden Frauen sonntags zu den weit entfernten Dörfern Kröftel, Oberems oder Heftrich zur Kirche, wo der Kirchenbesuch damals noch schlechter war als er heute ist. Was die Ernährung anbelangte spürte man in diesem Dorf nichts von Kriegs- und Nachkriegszeit, und an dem fetten Essen in Glashütten haben wir uns regelmäßig den Magen verdorben. Und wenn Frau Keller uns die Rucksäcke und die Milchflaschen füllte, hatte Frau Größer in ihrer Stube immer noch einige Extras. Wenn Frau Kellers Hühner schlecht legten, sodass sie nur wenige Eier für uns hatte, so hatte das meist seinen Grund darin, dass die Schwester immer mal die Eiernester leicht geplündert hatte. ...

Auf der 'Glashütt' war ich auch einmal eine ganze Woche während der Kartoffelernte. Da wurden die Erdäpfel noch mit der Hacke ausgemacht und das Getreide mit dem Dreschflegel gedroschen. Auch unser guter Vater war mal 10 bis 14 Tage im einzigen Gasthaus des Dorfes zur 'Sommerfrische'. Im Frühsommer pflückte Frau Größer, 'die treue Seele', für uns einen großen Wassereimer voll Himbeeren, ohne je auch nur einen Pfennig dafür zu nehmen.

Wir haben später versucht, ihr unsere Dankbarkeit zu erweisen."  

 

Hier sieht man Frau Größer mit meinen Brüdern Hans und Martin etwa 1935 im Hof des Burghauner Pfarrhauses.

In Burghaun lebte Elisabeth Größer als "die Oma" in unserer Familie, wo sie im November 1942 im Alter von 84 Jahren starb. In der Todesanzeige ließen meine Eltern drucken: 

'Länger als 50 Jahre hat sie drei Generationen unserer Familie in selbstloser Treue gedient.' 

weiter ...