Aus den Lebenserinnerungen meines Vaters H. M. Siebert

Großvater August Siebert

 

Im Jahr 1906 erhielt mein Großvater August Siebert eine Pfarrstelle in Frankfurt - Bockenheim.

Dort bezog die Familie ein großes um die Jahrhundertwende 1900 erbautes Pfarrhaus in der Grempstraße 49, welches von Oktober 1906 bis zum April 1930 ihr Zuhause wurde - sechs Jahre über meines Großvaters Tod hinaus.

Pfarrhaus in der Bockenheimer Grempstraße
Pfarrhaus in der Bockenheimer Grempstraße

"Mein Vater August Siebert war ein großer und stattlicher Mann, und er hatte eine mächtige Stimme, mit denen er auch die größten Kirchenräume füllte. Ich erinnere mich, dass die Mutter nach dem Gottesdienst oft sagte: "Schatz, was hast du aber wieder geschrien." Mein Vater war auch sehr musikalisch und liebte alle gute Musik. Er hatte aber nicht die robuste Gesundheit meiner Mutter und war öfters 'schachmatt' und 'ganz alle', dann ging er 'mit den Hühnern' ins Bett. Und er brauchte auch sein Mittagsschläfchen.

Meine Großeltern Siebert um 1910 in Frankfurt mit ihren Kindern Heinz Martin, Elfriede und Hans Theodor. Die älteste Tochter Margarethe (Gretchen) war 1907 neunjährig nach schwerer Krankheit gestorben.
Meine Großeltern Siebert um 1910 in Frankfurt mit ihren Kindern Heinz Martin, Elfriede und Hans Theodor. Die älteste Tochter Margarethe (Gretchen) war 1907 neunjährig nach schwerer Krankheit gestorben.

 

Vater war wirklich ein frommer Mann. Schon als Student nannte man ihn den 'Himmel-August', wohl weil er oft in höheren Regionen schwebte und wirklich ein 'Bürger zweier Welten' war. Bereits in seiner ersten Pfarrstelle in Wehrda hatte er es gern mit Erweckungspredigern zu tun, die sich im Gästebuch meiner Eltern mit ihren pietistisch gefärbten Einträgen verewigt haben.

In Franklfurt gehörte Vater zum E.C., dem 'Jugendbund für ent-schiedenes Christentum', er hat auch viele Jahre in der 'Evangelischen Allianz' mitgearbeitet. Er liebte nicht die 'sanfte Ruhe', aber den Frieden und ich glaube, dass er mit seinen Kollegen an St. Jakob und St. Marcus nie einen ernstlichen Streit hatte.

Sein Pfarrbezirk an der alten St. Jakobskirche umfasste den Teil Bockenheims, in dem vornehmlich  kleine und geringe Leute wohnten: Appelsgasse, Friesengasse, Häuser-gasse, Kleine Seestraße, Große Seestraße, Grempstraße usw. Er hatte riesige Konfirmandenscharen, meist über hundert. Auch die Zahl der Beerdigungen auf dem alten Bockenheimer Friedhof ging in manchen Jahren über 100 hinaus. Dabei ist mir so gut in Erinnerung, dass der Kutscher Grein aus der Landgrafenstraße meinen Vater immer mit der Droschke, die mit zwei Pferden bespannt war,  zum Friedhof fuhr.     

Die Jakobskirche, in der mein Großvater August Siebert predigte - nach einer Zeichnung um 1905
Die Jakobskirche, in der mein Großvater August Siebert predigte - nach einer Zeichnung um 1905

Seine Predigten schrieb der Vater meist am Samstag Vormittag in einem Zug aufs Papier. Da durfte er von niemandem gestört werden. Leider konnte das Geschriebene außer ihm selbst kein Mensch lesen. Auf die Kanzel nahm er nie ein Konzept mit, er sprach völlig frei. Wenn er der Mutter mal die geschriebene Predigt am Samstagabend vorlas, dann konnte es passieren, dass sie am nächsten Tag nach dem Gottesdienst meinte, er hätte aber eine ganz andere Predigt gehalten als diejenige, die er ihr vorgelesen hatte. Wenn Vater dann am Sonntagnachmittag in seinem 'Studierzimmer' lange auf und ab ging und man ihn fragte, warum er so lange hin und her gewandert sei, dann sagte er: 'Ich habe den Predigtext für den nächsten Sonntag meditiert'. So ging dieser Text dann die ganze Woche mit ihm.  

Da mein Vater alle seine Wege im Pfarrbezirk zu Fuß machte, war er bekannt 'wie ein bunter Hund' und musste ständig grüßen, was er mit nie ermüdender Freundlichkeit tat. Zu den Haustaufen begleitete ihn viele Jahre immer der Kirchendiener Kaufmann, ein kleines Männchen, das mir wohl so gut in Erinnerung ist wegen des schwarzen Käppchens, das er ob seiner Glatze willen trug.


Politische Aktivitäten hat Vater nie entwickelt. Er war aber, wie die meisten Pfarrer gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Ende des Kaiserreiches, national-konservativ eingestellt und las den Reichsboten, eine christlich-konservative Tageszeitung. Dabei war er ein Bismarck-Verehrer, sah aber auch in Kaiser Wilhelm II. den 'Herrscher von Gottes Gnaden'. Ein schönes Kaiserbild - Wilhelm II. in der Uniform der Halberstätter Kürassiere - schmückte viele Jahre eines unserer Zimmer. 

Die Erinnerungen an meinen Vater beschränken sich weitgehend auf die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, und als ich 1924 das Abitur machte, war er schon vom Tode gezeichnet. Er hatte bereits einen ersten Schlaganfall gehabt, litt gelegentlich an Sprachstörungen und musste sich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, in Pension zu gehen. Nach einem zweiten schweren Schlaganfall ist er am 22. Juni 1924 gestorben und unter Beteiligung einer unübersehbar großen Trauergemeinde auf dem alten Bockenheimer Friedhof begraben worden. Er war nur 62 Jahre alt, und unsere Mutter hat ihn fast um 42 Jahre überlebt. 

Die Kirchengemeinde hat ihrem treuen Pfarrer einen schönen Grabstein gesetzt.

Meine Schwester Elfriede war wenige Monate zuvor noch von Vater konfirmiert worden, ich war damals 18 1/2 Jahre alt und bei der Reichswehr. Bruder Hans-Theo hatte sein erstes theologisches Examen schon hinter sich und als Vikar dem Vater in den letzten Monaten helfend zur Seite gestanden. Unsere Mutter war nun mit 53 Jahren Witwe geworden. "

 


CHRISTUS IST MEIN LEBEN

UND STERBEN MEIN GEWINN

HIER RUHT IN GOTT

UNSER LIEBER TREUER PFARRER

AUGUST SIEBERT

GEB. 26. JULI 1862

GEST. 22. JUNI 1924

DIE DANKBARE GEMEINDE

 

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